Hansa-Theater 1971: Die Biasinis

Hansa-Theater 1803710009

Die Bühne des Hansa-Theaters am Steindamm in St. Georg: Fast zu eng für die „6 Biasinis“

Die Artistentruppe hält es nur wenige Wochen an einem Platz
Sieben Wagen – drei Generationen
– eine Sippe: die Biasinis

Variete — das ließe sich vielleicht definieren als domestizierter Zirkus. Wo dort Elefanten und Tiger die Arena bevölkern, zieht hier der Magier weiße Mäuse und Kaninchen aus dem Zylinder, und die Artisten sind aus dem Wohnwagen in die Künstlerpension gezogen.

Nicht so die „6 Biasinis“. Die Fahrrad-Virtuosen aus Italien bringen eine Brise Zirkusluft mit in das Hansa-Theater am Steindamm. „wo sie noch bis Ende des Monats gastieren. Nicht nur, daß für ihre temperamentvolle Show die nur fünf mal sieben Meter messende Bühne des Hansa fast zu eng ist — auch in der Art ihrer Darbietung unterscheiden sie sich von den Künstlerkollegen, die weniger
als sie vom spielerischen Tempo und vom unbeschwerten Spektakel !eben, sondern mehr von der Pointe, die im Detail liegt. Stillstand gibt es bei den Biasinis nicht. Wenn sie von der Bühne abgehen, haben sie ihr kurzweiliges Spiel in der Tat schon sechs Minuten getrieben.

Doch nicht nur auf der Bühne sind die Biasinis eine Attraktion. Auch im Privatleben sind sie ständig auf Rädern: Die vierzehnköpfige Familie bewohnt sieben Wohnwagen. Für die Dauer des Gastspiels sind die Caravans im Hof des Hansa-Theaters aufgebockt.

Die gutbürgerlichen Verhältnisse, die wir nicht missen möchten, sind bei ihnen auf den Kopf gestellt. Die Biasinis ziehen nur für die kurze Winterpause in ihr Brüsseler Haus. Machen diese Artisten denn keinen Urlaub? „Urlaub, wieso?“ sagt Giovanni. „Für uns ist das ganze Jahr Urlaub. Wir sind immer auf Reisen und sehen ständig neue Länder und Leute.“

Ein Leben im Haus kann die Familie immer nur für kurze Zeit ertragen. Giovanni, der älteste der Gebrüder Biasini und Chef de troup, erzählt, daß es ihnen in ihrem Haus in Brüssel mit den „5000
großen Zimmern“ immer schnell zu eng wird. Lieber 14 Menschen unter sieben Dächern, wenn die auch klein sind, als in einem einzigen Haus, meint Giovanni.

Drei Generationen umfaßt die Sippe. Für uns ist die Großfamilie schon Geschichte,für diese italienischen Radartisten lebendige Wirklichkeit: Großvater und Großmutter, drei Brüder mit ihren Frauen und eine Schwester sowie die erwähnten fünf Töchter halten im Privatleben wie auf der Bühne fest zusammen. Leben und Arbeit sind für sie noch nicht verschiedene Bereiche – das ermöglicht ihr reibungsloses Zusammenleben.

Hansa-Theater 1803710015

Am Mittagstisch trifft sich die Familie

Fünf der Wohnwagen sind tatsächlich zum Wohnen eingerichtet, und nicht ohne Annehmlichkeiten, die auch ein Artist nicht missen möchte: Polstergarnitur, elektrisches Licht, Fernseher und Duschkabinett. Alles blitzt in peinlicher Sauberkeit, der sich keine Nicht-Artistenfrau zu schämen brauchte. Die Möbel stehen längs der Seitenwände. Der schmale Mittelgang dient Regina, der einjährigen und damit jüngsten Biasini-Tochter, als Rennstrecke und Tanzplatz. Regina muß sich allerdings noch ein wenig mehr an die Enge gewöhnen: Sie wird von ihrem Vater liebevoll „Bazooka“ genannt. weil sie häufig kopfüber zu Boden geht.

Jede der vier Biasini-Familien hat einen Wohnwagen für sich. Wagen Nummer fünf ist das Appartement der ledigen Tochter des alten Biasini. Warum grad sie, die alleinstehende, den mit zwölf Meter Länge größten Wagen für sich hat? Sie ist eben clever, sagt Giovanni. Der sechste Wagen dient als Garderobe und Requisitenraum, im siebten wird gekocht und gegessen.

Im Küchenwagen führt Mutter Biasini das Regiment als vorzügliche Köchin. Nach dem Essen läßt sich jeder bereitwillig von ihr zum Abwasch anstellen, während schon der Kaffeeduft der Espresso-Maschine entströmt. Den Kindern bleiben Abwaschpflichten noch erspart. Sie bewegen sich unbekümmert durch das Durcheinander von lachenden und redenden Vätern. Müttern, Tanten und Großeltern und werden ständig ermuntert, doch dem Besucher ihre ersten Tanzschritte vorzuführen. Sie werden auf den Tisch gehoben, und ohne in den Nudeltopf zu treten, drehen sie noch unbeholfen, aber schon kokett ihre ersten Pirouetten. Heinrich Klaffs

Hansa-Theater 1803710025

Von elf bis zwölf ist Probe

Tags: , , , , , ,

Leave a Reply