Ochsenmarkt Wedel 1971

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Aus der Hamburger Tageszeitung „Die Welt“ vom 22.4.1971

Weisheit von der Wedeler Weide

    „Gekiekt is noch nicht gekauft”, sprach der Ochsenhändler

Auf der Weide an der Pinneberger Straße in Wedel wurden keine Maulaffen feilgehalten — es ging um Rinder, Pferde und Ferkel gestern auf dem Wedeler Ochsenmarkt (sprich: Ossenmaakt). In aller Frühe gaben sich Bauern und Viehhändler ein Stelldichein, um jeder auf seine Art sein Schäfchen ins trockene zu bringen: durch Kauf der eine, Verkauf der andere.

In der Morgenkühle flossen die Geschäfte noch zäh, der Nebel hatte viele an pünktlicher Ankunft verhindert. Aber so nach und nach waren unter ziemlichem Getöse die letzten Jungbullen und Färsen (die Teenager unter den Kühen) aus den Transportwagen ins Freie gezerrt und am Weidezaun festgemacht. und auch das Publikum stellte sich zahlreich ein. Nicht alle waren Kaufinteressenten — sagte der Viehhändler: „Gekiekt is noch nicht gekauft.“

Folgendes Zeremoniell ist beim Kuhhandel einzuhalten: erstens einen Stock zu tragen, der einmal gut ist, um störrische Rinder zur Räson zu bringen, zum andern, um damit zu gestikulieren, zuletzt auch, um sich darauf zu stützen; zweitens recht uninteressiert zu tun und ganz beiläufig nur gelegentlich ein Rind unter die Schwanzwurzel zu zwicken, wie gut’s denn im Fleisch sei; drittens die eigentliche Transaktion.

Händler und Interessent stellen sich gegenüber, rufen jeder ihren Preis und klatschen sich bei jedem Gebot gegenseitig in die Hände. Sind beide zufrieden, wird aus dem Klatschen ein Händedruck, wenn nicht, dann hört man mal auf und entfernt sich kopfschüttelnd voneinander, um sich dann wie zufällig wieder gegenüberzustehen — selten werden zwei überhaupt nicht eins. So ein Handschlag, auch wenn er erst nur ein „Ausschlagen“ der anderen Hand ist, schlägt eben Brücken.

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Nach dem Handel wird das Rind markiert, mit Fettkreide oder auch mit fein säuberlich per Schere in das Fell geschnittenen Initialen. Der Händler notiert die Adresse des Bauern, und zwischen zwei und zwölf Hunderter wechseln ihren Besitzer wie zuvor das Vieh —Scheckkarte gilt hier nicht, Bargeld lacht.

Gegen elf Uhr ist das Geschäft fast gelaufen. Jetzt gilt es, in einer Art Schlußverkauf auch die letzten Tiere an den Mann zu bringen. So trifft sich denn fast alles, was zwei Beine hat, zum Mittagsschoppen im improvisierten Ochsenkrug, einer zweckentfremdeten Scheune. Etliche „lüttje Lagen“ bringen nun noch manch zögernden Kunden auf Trab — ganz abgesehen davon, daß man nicht nur aus taktischen Erwägungen sich hier am Biertisch trifft. Die Zwei-Mann-Kapelle spielt flott auf, und nach dem Staub draußen hat man eine Erfrischung wohl nötig.

Überhaupt, der Ochsenmarkt ist längst nicht nur ein Handelsplatz. Hier hat man vielerlei Gelegenheit zu Schnick und Schnack mit den entfernteren Nachbarn, Bekannten und Geschäftsfreunden — die Goldene Hochzeit von Fiete muß genauso beredet werden wie die Rinder-Transaktion. Schließlich ist Wedeler Ochsenmarkt nur einmal im Jahr. hk

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