„Warten auf das große Ding“, Teil 1

1. Teil einer Serie über den Polizeialltag im Polizeirevier 20 (Altona) im „Hamburger Abendblatt“, E-Tag 9./10.3.1974
Copyright für alle freundlicherweise von meinem ehemaligen Kollegen zur Verfügung gestellten Fotos: Jürgen Lische

Redaktioneller Vorspann

Polizisten ruft man aus hunderterlei Anlässen. Was sie sonst treiben, ist einem meistens egal. Am liebsten sieht man Polizisten eigentlich aus der Ferne. Darum wollte Abendblatt-Reporter Heinrich Klaffs einmal ganz nah dabeisein. Er wollte den Teil der „Schutzmanns“-Arbeit kennenlernen, von dem im Polizeibericht nie die Redeist. Also zog er, nachdem der Polizeipräsident sein Plazet gegeben hatte, eine Uniform an und begleitete eine Woche lang eine Schicht der Polizeirevierwache 20 in Altona bei allen Einsätzen. Wie es ihm als „Polizist“ erging, was er hinter den Kulissen sah, davon handelt diese Artikel-Serie.

Warten auf das große Ding

„Bullen! Bullen!“ Die Schmährufe kamen von einer Gruppe alkoholisierter Fischmarktbummler in unserem Rücken. Mein „Bärenführer“ bei dieser Fischmarktstreife, Polizeimeister Ulrich Grube (28), drehte sich nicht um. Also ließ ich es auch. Dabei war es das erste Mal, daß mich jemand „Bulle“ nannte. Aber es klang irgendwie nicht bös. Außerdem war ich viel zu müde, um mich aufzuregen.
Denn heute war langer Sonntag. Unser Dienst hatte um halb sieben begonnen. Jetzt war es neun Uhr, weitere zehn Stunden lagen vor uns.

Trotz des Gähnens, das ich ständig zwischen den Kiefern zerbeißen mußte: ich langweilte mich nicht.

Da war zum Beispiel die Szene mit jenen beiden Mädchen aus Bremen, die uns „von der Seite“ angesprochen hatten. Sie wollten unbedingt unsere Visitenkarten haben, „weil es solche

Kesse Bremerinnen

Die beiden hätten gern unsere Visitenkarte gehabt. Aber Dienst ist Dienst...

netten Polizisten in Bremen nicht gibt“ – angeblich. Da waren die beiden Brüder, beide gesetzten Alters, die offensichtlich schon mehr als eine Fischmarkt-Kneipe von innen gesehen hatten an diesem Morgen. Wie sollten wir ihre Einladung zu einem Schnaps abschlagen, ohne sie zu beleidigen? Wir schafften es – und schieden wie Freunde.

Da war jener Mann, der ans über den Weg torkelte. War es Grubes sechster Polizistensinn, die „Nase“, die ihn fragen ließ: „Wirst du nicht gesucht?“ Er wurde gesucht. Von seinem Lebensmittelhändler. Er hatte dort anschreiben lassen, für rund 70 Mark. Und immer wieder die Beteuerung: „Mittwoch werde ich bezahlen! Nehmt ihr mich jetzt mit?“ Wir nahmen ihn nicht mit. Versprach der doch noch vielmals: „Mittwoch bezahle ich!“ Und spielte ein Lied auf der Mundharmonika, die er aus seiner Manteltasche zog.

Wir nahmen ihn nicht mit. Zum Dank spielte er uns ein Lied.

An diesem Fischmarktmorgen war die Welt sonst ziemlich in Ordnung. Sogar der Betrunkene, der sich schwerfällig hinter das Lenkrad seines „Admirals“ bugsierte, stieg nach einer Ermahnung freiwillig wieder aus und ließ sein Auto stehn.

Da stand aber noch die lange Reihe falsch geparkter Autos am Zaun zur Wasserseite. Und da war jenes Paket von Verwarnzetteln, die Grube vom Wachhabenden mit auf den Weg bekommen hatte. Die Pflicht rief. Kein Vorgesetzter würde uns glauben, daß wir den ganzen Vormittag kein falsch geparktes Auto gesehen hätten. Halbherzig machten wir uns an die Arbeit. Komisch – immer wenn eine Zahlkarte ausgeschrieben war, stand auch schon der Besitzer des Wagens vor uns und begehrte Ablaß. Sollten wir etwa die Familie aus Stade nicht laufen lassen? Sie hatte frühmorgens in der Dunkelheit das Halteverbotsschild nicht gesehen. Und wie war es mit jenem Jungdemokraten, der Wahlbroschüren verteilte? „Ich bin doch Aktivist! Und das wäre mein allererstes Strafmandat!“ Er war ganz geknickt. Ich hätte den Zettel wahrscheinlich nicht zurückgenommen. Gerade nicht. Der „Aktivist“ ärgerte mich. So aktiv waren wir allemal. Aber Grube, der echte Polizist, ließ ihn ziehen.

Auch Polizisten mögen Hustenbonbons

So ging der Vormittag ‚rum. Halb elf. Auf einem von der Hustenbonbon-Frau geschenkten Bonbon lutschend – aber dezent, wir waren ja im Dienst – , trabten wir zurück zur Wache. Noch acht Stunden Streife mit „Peter 20/1“. Kleinkram und – warten auf das „große Ding“.

Vollzählig habe ich die C-Schicht der Wache 20 in dieser Woche nie erlebt. Ein Beamter machte Urlaub, einer war abgeordnet zur besonderen Verfügung des Bezirkskommandos im „Einsatzzug Altona“ für Verkehrskontrollen und andere Sondereinsätze. Zwei weitere Polizeiobermeister standen nur auf dem Panier, auf dem der Schichtplan geschrieben steht: beide dauerkrank. Es blieben: zwei Wachhabende und, statt der Sollstärke von weiteren sechs Beamten, ein Polizeimeister, zwei Obermeister, ein Praktikant.

Der erste Wachhabende: Albert Knake. 59 Jahre alt, gelernter Landwirt, seit 36 Jahren Polizist, verheiratet, vier Kinder, Polizeihauptmeister, netto 1750 Mark. Wohnt in Brokstedt bei Itzehoe, fährt täglich mit dem Wagen eine Stunde zur Arbeit. Wird im Juli pensioniert. Aber da ist ja noch einer „vom alten Schrot und Korn“. Der zweite Wachhabende: August Hippchen. 52 Jahre alt, mit 17 zur Reichsmarine gegangen, dann zur Polizei. Verheiratet, drei Kinder, wie Knake Hauptmeister und damit an der Spitze des mittleren Dienstes. Wohnt in „Mottenburg“ (Ottensen), schon seit 1947 ist er bei der Wache 20. Manche seiner „Kunden“ kennt er schon „von klein auf“.

Alle anderen Beamten der C-Schicht, die ich kennengelernt habe, gehören zur Generation derer, die erst nach dem Krieg aufwuchsen:
Dethlef Schiewe, 28 Jahre alt. In der Schule ist er immer angeeckt, weil er sagte, was er dachte, ohne den diplomatischen Zungenschlag zu beherrschen. Seine direkte Art hat ihm bei der Polizei nicht geschadet. Der gelernte Maschinenschlosser ist jetzt Obermeister, rund 1400 netto, fungiert als stellvertretender Wachhabender. Schiewe ist verheiratet, noch kinderlos, wohnt in Hamburg.

Dienstranggleich Karl Volker Schmitt. 33 Jahre alt, verheiratet, ein Kind. Auch er ist gelernter Landwirt, ging dann für sechs Jahre zur Bundesmarine, ( von dort zur Polizei. Ein ruhiger Zeitgenosse. Auf der gemeinsamen Weihnachtsfeier in der Wache haben sie ihm den „Hallo-Wach-Orden“ verliehen, weil er oft müde ist. Kein Wunder: nachdem die Kollegen geholfen haben, das Fundament für sein Häuschen in Billstedt aufzuschütten, hat er den weiteren Auf- und Ausbau weitgehend im Do-it-yourself-Verfahren bestritten. Er ist immer auf der Suche nach passenden Verschraubungen für Heizungsrohre.

"Vater der Kompanie": Albert Knake und Praktikant Reinhard Groß (18)

Ulrich Grube, 28 Jahre alt, Polizeimeister, sieht in Zivil am wenigsten aus wie ein Polizist. Unter anderem trägt er ein Aktenköfferchen. Er ist – mit Genehmigung der Behörder – nebenberuflich als Steuer- und Anlageberater tätig. Die Qualifikation für diesen Job hat er sich in Abendkursen erworben. Auch Grube ist verheiratet. Er hat zwei Kinder und monatlich rund 1500 Mark netto. Grube wohnt in Uetersen und kommt mit der Bahn zur Arbeit.

Wie jeder der vier Schichten bei der Wache 20 ist auch der C-Schicht ein Praktikant zugeteilt: Reinhard Groß, 18 Jahre alt. Er wohnt in Stade. Sein sechsmonatiges Praktikum begann nach Abschluß von zwei Jahren Landespolizeischule. Einmal in der Woche muß Groß auch jetzt noch auf die Schulbank. Nach dem Praktikum steht ihm die obligatorische Zeit bei der Bereitschaftspolizei bevor. Erst danach zählt er eigentlich als „gestandener“ Polizist. Aber wegen der Personalknappheit sind die Wachen gezwungen, Praktikanten voll in den Dienstplan mit einzubeziehen. Auch Reinhard Groß – jetzt Oberwachtmeister mit netto 800 Mark im Monat – muß als Lehrling Gesellenarbeit leisten.

Meistens war unsere Schicht in „meiner“ Woche bei der Wache 20 nur mit zwei Beamten und den beiden Wachhabenden besetzt. Revierführer Albert Wißmann: „Die Personallage der Polizeirevierwache 20 weist zu Beginn des Jahres 1974 eine äußerst negative Entwicklung auf.“

Ende von Teil 1, folgt Teil 2

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