„Warten auf das große Ding“, Teil 2

Teil 2 einer Serie über den Polizeialltag im „Hamburger Abendblatt“. E-Tag: 11.3.1974

Redaktioneller Vorspann

Polizisten ruft man aus hunderterlei Anlässen. Was sie sonst treiben, ist einem meistens egal. Am liebsten sieht man Polizisten eigentlich aus der Ferne. Darum wollte Abendblatt-Reporter Heinrich Klaffs einmal ganz nah dabeisein. Er wollte den Teil der „Schutzmanns“-Arbeit kennenlernen, von dem im Polizeibericht nie die Redeist. Also zog er, nachdem der Polizeipräsident sein Plazet gegeben hatte, eine Uniform an und begleitete eine Woche lang eine Schicht der Polizeirevierwache 20 in Altona bei allen Einsätzen. Wie es ihm als „Polizist“ erging, was er hinter den Kulissen sah, davon handelt diese Artikel-Serie.

Warten auf das große Ding

Frühschicht, Beginn um Viertel vor sieben. Die beiden Wachhabenden sitzen schon am Tisch und blättern sich durch die Ordner mit den Meldungen der vergangenen Nacht. Trunkenheit am Steuer, Unfall mit Fahrerflucht, versuchter Einbruch. Eine vom Autostrich am Fischmarkt hat eine Anzeige gegen ihren Zuhälter zu Protokoll gegeben. Und so weiter. Vieles steht nicht in den Ordnern. Es erscheint nur als Funkeinsatzbefehl im Fahrtenbuch von „Peter 20/1“.

Im Spindraum sitzen noch ein paar von der Nachtschicht am Tisch
im schmalen Gang zwischen den Schränken und beginnen den Tag mit einem Schluck Bier.

Einer flucht. Er gehört zu denen, die gerade erfahren haben, daß sich ihre Beförderung wieder einmal verzögern wird. Und weil er schon dabei ist, sich zu ärgern, kommt das Thema fast jeder Nachtschicht wieder hoch : für den „Dienst zu ungünstigen Zeiten“ – zum Beispiel nachts – gibt es einen Zuschlag von ganzen 75 Pfennig je Stunde.

„Wir sind nicht unterbezahlt. Für das, was wir netto kriegen, muß einer in der freien Wirtschaft auch ganz schön strampeln. Aber wenn ich morgens nach Hause gehe und rechne nach und habe in den vergangenen neun Stunden 6,75 Mark zusätzlich als Entschädigung für eine durchwachte Nacht verdient – dann fühle ich mich ganz schön auf den Arm genommen.“

Ich pflichte ihm bei. Ich habe das ja erlebt. Morgens um acht komme ich nach Hause. Meine Frau schläft noch. Wenn ich fünf Stunden später aufwache, weil irgendwo in der Straße eine Baumaschine lärmt und die Sonne ins Zimmer scheint, ist meine Frau weg, einkaufen vermutlich.

Als sie wiederkommt, frühstücke ich gerade. Ich bin eigentlich nicht mehr müde. Aber jedes laute Wort fällt mir auf den Wecker. Und erzählen, was ich in der vergangenen Nacht erlebt habe, dazu fehlt mir jede Lust. Am Abend haben wir Besuch. Weil ich so gereizt bin, kommt keine Stimmung auf. Ich verabschiede mich bald aus der Runde, gehe schlafen. Morgen habe ich Frühdienst. Ich nehme mir vor, mich am nächsten Tag bei meiner Frau zu entschuldigen für die schlechte Laune.

Ob der Wachhabende Albert Knake sein nervöses Augenzucken dem Wechseldienst zu verdanken hat? Er ist jetzt 36 Jahre bei der Polizei. Und woher hat Dethlef Schiewe seine Magenbeschwerden? Hat Ulrich Grube seinen Autounfall nicht nach einer Nachtschicht gebaut?. Gestern erzählte mir einer aus der anderen Schicht: er ist nach der Nachtschicht mit der Dienstmütze auf dem Kopf zur U-Bahn gegangen und hat sich gewundert, warum die Leute grinsten . . .

Eine Woche Wechseldienst, das heißt: Freitag von 7 bis 16 Uhr, Sonnabend 7 bis 14 Uhr – „langes“ Wochenende (das einzige in je vier Wochen) bis Montag 14 Uhr. Dann Spätdienst bis abends um zehn. Dienstag Nachtschicht von 22 bis 7 Uhr, Mittwoch frei, Donnerstag wieder Spätschicht. Freitag auf Sonnabend Nachtschicht, dann 24 Stunden Ruhe, dann der zwölfstündige Sonntagsdienst von 7 bis 7 . . .

Dazwischen liegen noch Schießtraining und Dienstsport, jeweils morgens um 9 Uhr an Spätdienst-Tagen – der Vormittag ist auch noch im Eimer. Da habe ich gekniffen – und alle „Kollegen“ hatten Verständnis dafür.

Ende von Teil 2

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