„Warten auf das große Ding“, Teil 3

Teil 3 einer Serie über den Polizistenalltag im Polizeirevier 20 (Altona) im „Hamburger Abendblatt“ vom 12.3.1973

Redaktioneller Vorspann

Polizisten ruft man aus hunderterlei Anlässen. Was sie sonst treiben, ist einem meistens egal. Am liebsten sieht man Polizisten eigentlich aus der Ferne. Darum wollte Abendblatt-Reporter Heinrich Klaffs einmal ganz nah dabeisein. Er wollte den Teil der „Schutzmanns“-Arbeit kennenlernen, von dem im Polizeibericht nie die Redeist. Also zog er, nachdem der Polizeipräsident sein Plazet gegeben hatte, eine Uniform an und begleitete eine Woche lang eine Schicht der Polizeirevierwache 20 in Altona bei allen Einsätzen. Wie es ihm als „Polizist“ erging, was er hinter den Kulissen sah, davon handelt diese Artikel-Serie.

Warten auf das große Ding

Verflixte Nacht. Alles müssen wir zweimal machen. Das fing schon so unangenehm an. Am Steinheimplatz war ein beinamputierter Rentner in seiner Wohnung gestorben, schon vor geraumer Zeit. Erst jetzt war einer Nachbarin aufgefallen, daß ständig Licht in der Wohnung brannte. Als wir dort sind, den Abtransport der Leiche überwachen und die Wohnung versiegeln, erzählt mir Dethlef Schiewe, daß er sich noch genau an seine erste Leiche erinnern kann, eine Gasleiche. Jetzt hat er immer Gasgeruch in der Nase, wenn er einen Toten sieht . . .

Dann kommt der Betrunkene, der am Nobistor die Scheibe eines Schuhgeschäfts eingeschlagen hat und sich nun wegen Diebstahls wird verantworten müssen, weil er zwei linke Schuhe unter der Jacke hat, als wir eintreffen.

Dann der Funkeinsatz: „Streitigkeiten Holstenstraße 23 bei Hoppendoll.“ Es ist halb zwölf. Die Wohnungsinhaberin kommt uns im Mantel entgegen, völlig verheult. Bei ihr sei ein fremder Mann eingedrungen. Der „fremde Mann“ liegt auf der Couch unter einer Wolldecke.

Die beiden sind sich offensichtlich nicht fremd. Sie schwanken immer zwischen „Sie“ und „Du“. Daß die Leute immer die Polizei rufen müssen, wenn selbst der Alkohol ihre Probleme nicht mehr lösen kann…

Sie will ihn loswerden. Aber wir können nichts machen. Das ist eine zivilrechtliche Sache. Ulrich Grube redet jedoch immer wieder auf die beiden ein, Dethlef Schiewe versucht es auf die energische Art. Schließlich folgt uns der angeblich fremde Mann aus der Wohnung. Mit Tränen in den Augen versucht er, „Püppi“, die nichts mehr von ihm wissen will, zum Abschied zu küssen. Sie wendet sich ab. Eingeschnappt wirft er draußen das Hemd, das sie ihm von ihrem geschiedenen Mann gegeben hat, in den Garten. „Ich bin fertig mit ihr.“

Wir haben gerade auf dem Fischmarkt einen betrunkenen Autofahrer aufgetan und zur Blutprobe mit zur Wache genommen, da heißt es um zwei Uhr: „Ruhestörender Lärm in der Virchowstraße.“

In der Virchowstraße ist Zigeunergeburtstag in einer Parterrewohnung. Dietermann, der Zigeuner, dreht sofort die Musik leise und lädt uns in die gepflegte Wohnung – alles mit Teppich ausgelegt und geschmackvoll dekoriert. Eine solche Wohnung habe ich in dieser Gegend nicht vermutet.

Dietermann will uns unbedingt Sekt anbieten. Er hat Angst vor uns. In einem Nebensatz sagt er: „War ich im KZ.“ Er will wissen, ob nun eine Akte angelegt wird.

Eine Stunde später neuer Einsatz: „Virchowstraße, Schlägerei im Treppenhaus“ – dieselbe Hausnummer. Anrufer sind die Leute im ersten Stock. Sie hatten auch die Ruhestörung gemeldet. Der Mann muß morgens um fünf Uhr zur Arbeit. Als wir beim ersten Mal abgerückt waren, in der Meinung, alles sei ruhig, war Dietermann gleich darauf hinaufgegangen, wutentbrannt, weil er sich denunziert fühlte. Aber es ist nichts passiert. Die anderen sieben Gäste der Zigeuner-Geburtstagsfeier sind hinterhergekommen und haben Dietermann zurückgehalten.

So hat sich auch das erledigt. Das Ehepaar im ersten Stock verzichtet auf eine Anzeige. Sie kommen sonst gut mit den Leuten aus.

Wir waren zweimal bei Dietermann, jetzt müssen wir zum zweiten Mal zu Hoppendoll. Als wir wieder auf der Wache sind, kommt die Frau herein. Sie hat dickgeschwollene Lippen und weint herzzerbrechend.

Der Liebhaber war doch nicht mit ihr fertig gewesen. Er war zurückgekommen, hatte durch den Briefschlitz uriniert und dann die Tür eingetreten. Davon vergewisserten wir uns an Ort und Stelle.

Der Typ liegt schon wieder auf der Couch und sagt: „Herr Wachtmeister, das war doch ganz anders.“ Diesmal nehmen wir ihn mit. Zur Ausnüchterung. Eine andere Handhabe haben wir nicht. Das ist wieder alles zivilrechtlich. Denn ihn anzeigen – das will „Püppi“ auch nicht.

Zum Abschluß, bevor wir morgens kurz vor sieben frische Brötchen holen und zur Wache zurückkehren, müssen wir noch einen Geldtransport bewachen. Rentengelder, „so fünf bis acht Millionen“, sagt Schiewe, die am Postamt Goethestraße von Transportwagen der Bundespost übernommen und zu den einzelnen Postämtern des Bezirks gefahren werden. Das ist so seltsam unwirklich. Drei übernächtigte Polizisten sollen verhindern, daß acht Millionen Mark Rentengelder geraubt werden.

Das ist doch gar nichts, sagt Grube. Einmal im Monat müssen wir nämlich auch die Taubenvergifter bewachen. Im Morgengrauen ziehen sie durch die Stadt, einer streut vergiftetes Futter aus, der andere sammelt die toten Tauben ein. Wir müssen aufpassen, daß die beiden nicht verprügelt werden.

Und einen Morgen, gerade sind die Taubenvergifter von einem Zuhälter, der in einer Kneipentür steht, angepöbelt worden, und wir haben den zur Räson gebracht, da kommt eine nackte, blutüberströmte Frau über die Straße gerannt. Wir nehmen sie in den Wagen und betten sie auf den Rücksitz, um sie gleich ins Krankenhaus zu fahren – da guckt sie und sagt: „Der war’s!“ und zeigt auf den Zuhälter.

Wir rufen Verstärkung, damit ein anderer Wagen den Zuhälter nimmt, da kommen drei Männer die Straße entlang, und sie zeigt auf den in der Mitte und sagt: „Der war auch dabei!“ Sie war von den beiden vergewaltigt worden.

In der nächsten Folge: am 13.3.1974: Die Penner riecht man schon im Erdgeschoß

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