„Warten auf das große Ding“, Teil 4

Teil 4 einer Serie über den Polizistenalltag im Polizeirevier 20 (Altona) im „Hamburger Abendblatt“ vom 13.3.1974

Redaktioneller Vorspann

Polizisten ruft man aus hunderterlei Anlässen. Was sie sonst treiben, ist einem meistens egal. Am liebsten sieht man Polizisten eigentlich aus der Ferne. Darum wollte Abendblatt-Reporter Heinrich Klaffs einmal ganz nah dabeisein. Er wollte den Teil der „Schutzmanns“-Arbeit kennenlernen, von dem im Polizeibericht nie die Redeist. Also zog er, nachdem der Polizeipräsident sein Plazet gegeben hatte, eine Uniform an und begleitete eine Woche lang eine Schicht der Polizeirevierwache 20 in Altona bei allen Einsätzen. Wie es ihm als „Polizist“ erging, was er hinter den Kulissen sah, davon handelt diese Artikel-Serie.

Warten auf das große Ding

Eine Stunde fahren, eine Stunde als „Beobachter“ auf dem Beifahrersitz, eine Stunde Bereitschaft: macht drei Stunden. Dreimal drei Stunden – neun Stunden, ein Schichtabschnitt. Zeit zum Mittagessen ist nicht eingeplant. Polizisten leben von mitgebrachten Stullenpaketen und Kaffee aus dem Automaten oder Coca Cola.

Wieder so ein Tag. Zum x-tenmal die Runde durchs Revier, zum x-ten mal die scharfe Kurve an der Thadenstraße, zum x-tenmal die Kehrtwendung an den Landungsbrücken, wo unser Revierbereich endet.

Da sagt Grube: „Fahren wir doch ‚mal Penner aufstöbern am Hexenberg.“ Groß nickt und nimmt die Richtung. Als wir vor den SAGA-Neubauten am Hexenberg, den häßlichen gelben Klinkerbauten, halten und aussteigen, winken schon die Handwerker von einem Bau: Hier sind welche.

Wir gehen hinein. In einigen Räumen wird schon tapeziert, die Zentralheizung läuft: Pennerhotel mit Vollkomfort. Man riecht sie schon im Erdgeschoß: Wochenlang ungewaschene Füße und verschwitzte Kleidung.

Im zweiten Stock liegen die ersten drei Typen eng aneinandergesehmiegt neben der Heizung.

Ich habe Herzklopfen. Wenn die gewalttätig sind? Sie sind es nicht. Grube ruft: „Aufstehen, anziehen, im Flur sammeln.“ Und sie gehorchen. Schläfrig stehen sie im Flur. Ich habe derweil ein Stockwerk höher den nächsten gefunden. Ergeben folgt er mir nach unten. Ich hatte mir das anders vorgestellt.

Sie kommen mit auf die Straße, dort überprüfen wir ihre Papiere. Der einzelne Penner aus dem dritten Stock hat einen gültigen „Ehrenbürgerbrief“: er ist als Stadtstreicher registriert. Auf dem amtlich „Stadtstreicherauflage“ genannten Papier steht, daß er sich innerhalb von vier Wochen einen festen Wohnsitz und Arbeit zulegen muß. Und sonst? Vorführung beim Amtsrichter. Der Amtsrichter läßt ihn dann mit neuer Auflage laufen. Ewiger Penner-Kreislauf.

Der Mann ist „sauber“. Die Nachfrage über Funk hat keinen Suchvermerk ergeben, er darf gehen. Sichtlich erleichtert trollt er sich. Die anderen drei sind neu in Hamburg. Sie kommen aus Süddeutschland, aus Karlsruhe. Erst als wir ihre Personalausweise sehen, merken wir, daß ein Mädchen dabei ist, gerade 19 Jahre alt. Sie sah aus wie ein Mann von 30. Aber jetzt kämmt sie sich mit den Fingern die Haare und streicht den Anorak glatt.

Keiner von dem Trio hat bisher eine Stadtstreicherauflage. Wir bringen sie zu Fuß zur Wache, während Groß im Schritt nebenher fährt. „Was meinst du“, sagte Grube, „‚Wie das erst im Sommer ist! Die stinken so im Wagen, das hält keiner aus.“

Einer von den Pennern fragt: „Sind die auf der Wache auch so nett wie ihr?“ Ich glaube, sie haben schon oft den Schlagstock gespürt oder einen Tritt in die Rippen beim Wecken. Grubes freundliche Tonart ist ihnen nicht ganz geheuer.

Wir liefern sie auf der Wache ab. Die Wachhabenden müssen ihnen den „Ehrenbürgerbrief“ verpassen. Als wir die Wache betreten, rückt gerade nebenan bei der Feuerwache der Rettungswagen aus. Wir müssen hinterher, am Nobistor brennt es im Hotel.

Ende von Teil 4, folgt Teil 5

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