„Warten auf das große Ding“, Teil 5 und Ende

Teil 5 einer Serie über den Polizistenalltag im Polizeirevier 20 (Altona) im „Hamburger Abendblatt“ vom 14.3.1974:

Redaktioneller Vorspann

Polizisten ruft man aus hunderterlei Anlässen. Was sie sonst treiben, ist einem meistens egal. Am liebsten sieht man Polizisten eigentlich aus der Ferne. Darum wollte Abendblatt-Reporter Heinrich Klaffs einmal ganz nah dabeisein. Er wollte den Teil der „Schutzmanns“-Arbeit kennenlernen, von dem im Polizeibericht nie die Redeist. Also zog er, nachdem der Polizeipräsident sein Plazet gegeben hatte, eine Uniform an und begleitete eine Woche lang eine Schicht der Polizeirevierwache 20 in Altona bei allen Einsätzen. Wie es ihm als „Polizist“ erging, was er hinter den Kulissen sah, davon handelt diese Artikel-Serie.

Warten auf das große Ding

Verkehrsunfall. Ladendiebstahl. Schlägerei. Familienstreitigkeit. Zahlungsstreit im Lokal. Penner in der Baustelle. Wohnungsbrand. Und ein zerbrochener Sieldeckel am Fußgängerüberweg Ehrenbergstraße – gibt es eigentlich etwas, für das die Polizei nicht zuständig ist?

Zum Beispiel dieser Einsatz: In einer Wohnung an der Memellandallee halten sich zwei Ausländer illeqal auf. Wir fahren hin. In der Wohnung ein verhärmter Grieche, Untermieter. Die Wohnungsinhaberin: eine kranke Frau. Sie liegt im Wohnzimmer auf dem Sofa und dreht den Kopf zur Wand, als wir kommen.

Anrufer war ihr Sohn, ein resoluter Mann, rund 30 Jahre alt. Er ist von einer längeren Reise zurückgekommen und hat gemerkt, .laß seine Mutter vermietet hat. Er kann nichts dagegen tun, die Wohnung gehört ihr. Also rief er die Polizei.

Sie sagt immer nur: „Schick sie weg, schick sie weg, ich will nicht fort.“ Sie hat offensichtlich Angst – vielleicht nicht zu Unrecht -, daß der Sohn sie abholen läßt.

Aber wir holen niemand ab. Auch die beiden Griechen nicht. Sie haben Papiere, sie haben ihr Zimmer gemietet. Der Sohn kann trotzdem nicht verstehen, daß wir unverrichteter Dinge wieder abziehen. Soll er doch mit seiner kranken Mutter allein fertigwerden – und sie mit ihm.

Dann die vergeblichen Einsätze. „Talstraße demolieren mehrere Männer eine Wohnung, normale Fahrt aufgehoben.“ Talstraße – da ist St. Pauli am miesesten. Wir bekommen den Einsatz, obwohl das nicht mehr unser Revier ist, weil die anderen Wagen alle zu tun haben.

Wir rasen hin, die Treppen hoch. Schallendes Gelächter empfängt uns. In der Wohnung sitzt eine fröhliche Gesellschaft und feiert Polterabend. Als wir fortgehen, knirscht unter unseren Schuhen zerbrochenes Geschirr. Für den Spott haben wir nicht zu sorgen . . .

‚Später werden wir noch einmal in den Revierbereich der Davidwache gerufen. „Simon-Utrecht- Straße. Hotel Hohenzollern. Unfall.“ Auch so ein Routineeinsatz. Bei einem Unfall ist der Verletzte meist schon mit einem Rettungswagen fortgebracht ins Krankenhaus. Wir müssen dann nur noch hinterher und die Personalien ermitteln. Verwaltungsarbeit.. .

Diesen Verunglückten treffen wir noch an. Ein Hotelangestellter ist im Tran die Treppe runtergefallen und hat sich den Arm gebrochen. Er sitzt da und wimmert unaufhörlich: „Der Schmerz, oh, der Schmerz.“ Er hat offensichtlich gerade eine Pechsträhne zu fassen. Er hat an diesem Abend seinen Wochenlohn von 300 Mark beim Kartenspiel verloren.

Also gibt es Leute, die haben noch mehr Pech als wir mit unseren ewigen Bagatelleinsätzen. Eine Woche lang haben wir vergeblich auf das große Ding gewartet . . .

Ende der Serie

Dazu gab es einige Monate später noch ein „Menschlich gesehen“ auf Seite 1 des Hamburger Abendblatts:

Er war gern Polizist

Der Altersberg wird abgebaut“, heißt es bei der Polizei. Der „Altersberg“ – das sind die Beamten der Jahrgänge 1913/14. Sie haben jetzt das Pensionsalter erreicht. Zum Beispiel Albert Knake, Polizeihauptmeister, Wachhabender bei der Revierwache 20 in der Mörkenstraße (Altona) Einer von vielen, die in diesem Jahr verabschiedet werden.
Albert Knake selbst geht mit einem lachenden und einem weinenden Auge“ in den Ruhestand: Er war gern Polizist, aber nach 38 Dienstjahren freut er sich auf ungestörte Tage in seinem Haus in Brokstedt/Holstein. Seine Frau Annemarie muß nicht mehr vor einem 12-Stunden-Sonntagsdienst sagen: „Nun bin ich wieder den ganzen Tag allein“, er kann seinen großen Garten pflegen und sich seinen neun Enkelkindern widmen.
Dagegen verabschiedet Revierführer Albert Wißmann seinen Wachhabenden mit Unbehagen: „Die Älteren sind unsere besten Leute; ihre Erfahrung ist unbezahlbar.“ Wißmann und Knakes Kollegen schätzen vor allem seine Dienstauffassung. Einer sagt: „Albert ist der letzte Preuße. Der gebürtige Holsteiner mit der „preußischen“ Gradlinigkeit hat tatsächlich im Umgang mit seinen „Stammkunden“, mit Pennern Störenfrieden und Trunkenbolden nie lange gefackelt – aber er wußte auch, wo er ein Auge zudrücken mußte. Als Büttel der Obrigkeit hat er sich nie verstanden, auch nicht dienstintern. Starrköpfig war er vor allem, wo es galt, die Interessen der jüngeren Kollegen gegenüber den Vorgesetzten zu vertreten. hk

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3 Responses to “„Warten auf das große Ding“, Teil 5 und Ende”

  1. Dethlef Schiewe sagt:

    Das waren noch Zeiten.
    Liebe Grüße von Dethlef Schiewe, damals POM, heute Kriminalhauütkommissar i.R.

  2. Heiner sagt:

    Ja, das waren noch Zeiten. Alles weitere per E-Mail. Heiner Klaffs

  3. Igor sagt:

    An inllietgent point of view, well expressed! Thanks!

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