Gianna Nannini 1984

Aus dem „Hamburger Abendblatt“ vom 27.4.1984

Wenn Italiens Sturmhexe Dampf macht, lodert das Feuer unter den Sitzen

Nach den ersten paar Takten gab es im vorderen Viertel des Saales nur noch Stehplätze, und das sollte knapp zwei Stunden lang so bleiben. Denn Gianna Nannini (29) war da, die italienische Sturmhexe (oder lieber Kratzbürste?) des Rock’n’Roll. Sie machte dem Publlkum im ausverkauften Großen Saal des CCH Feuer unter den Sitzen. Nach ungefähr einer Stunde war Giannas Stimme ziemlich kaputt, aber das tat der Stimmung keinen Abbruch. „Da kam unheimlich was rüber“, sagte jemand, der es nicht bereute, statt der Konzertkarte keine wohltemperierte Schallplatte gekauft zu haben. Ehrliche Rocker hatten im angeblich kühlen Hamburg immer gute Ernte.

Die Nannini steht auf der Buhne dauernd unter Dampf. Sie ist kein bißchen kühl, obwohl sie in emer Art Matrosendreß aus der Kullsse schoß. Selbst wenn sie von Liebe singt, klingt das wie ein Kriegsschrei, und nicht nur, weil ihre Stimme so rauh ist. In ihrem Lied über eine Fiesta klingen die Kastagnetten wie Gewehrschüsse; wenn sie tanzt, dann sieht das aus wie Schwimmen, Joggen, Ringkampf oder Karate. Karate kann sie wirklich. Einmal fällte sie den Mikrofonständer mit einem gezielten Fußtritt.

Damit ist jedoch ihre Musik nicht beschrieben. Gianna Nanninis Lieder leben vom Tempo, auch wenn sie langsam singt. Da geht es immer irgendwo hin immer vorwärts, ein langer Zug, der laut über die Schienen rattert. Und vorn auf dem Tender steht eme Frau und unterhält sich singend mit den Passagieren im letzten Waggon.

Eher lernt unsereins in der Schule das Kleine Latinum als Italienisch. Schade. Denn es scheint, als ob sich Gianna Nanninis Texte lohnen würden. Wo noch soviel bei einem ankommt, auch wenn man kaum ein Wort versteht muß eine ganze Menge zu holen sein Die Gesten der Sängerin sind nicht aus der Luft gegriffen. Lauter starke Gefühle: Die Konditorstochter Gianna singt von Selbstbefreiung und Aufbegehren, von Liebe, Leidenschaft und Kampf. Das ist Rock’n’Roll. Beim Lied „America“ (es handelt von der Freude am eigenen Körper, dem gelobten Land) hob sie kurz die Bluse – kein Skandal sondern eine Fortsetzung der Musik mit anderen Mitteln

Die „Primadonnas“ – nicht nur ein anderes Lied von Gianna Nannini, eine Verhohnepipelung der vielen selbsternannten Größen der Popmusik, sondern auch der Name ihrer Band. Das sind diesmal wieder lauter Männer, die Heizer des langen ratternden Zugs, nicht mehr und nicht weniger. Sie haben sich ihren Beifall verdient

Gianna Nannini hat sich in Hamburg bis zur Erschöpfung verausgabt. Als sie das erste Mal umfiel und „No, no, no“-schreiend mit den Füßen strampelte, war das noch Absicht. Später stolperte sie schon mal, und manche Töne blieben ihr weg. Sie darf trotzdem jederzeit gern wiederkommen. Denn solche Frauen gibt es wenig (ganz zu schweigen von den Männern). HEINRICH KLAFFS

(Leider kein eigenes Foto vorhanden. Fotografiert hat damals mein Kollege Matthias Jüschke, http://www.www.matthias-jueschke.de)

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