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„Warten auf das große Ding“, Teil 5 und Ende

Donnerstag, März 14th, 1974

Teil 5 einer Serie über den Polizistenalltag im Polizeirevier 20 (Altona) im „Hamburger Abendblatt“ vom 14.3.1974:

Redaktioneller Vorspann

Polizisten ruft man aus hunderterlei Anlässen. Was sie sonst treiben, ist einem meistens egal. Am liebsten sieht man Polizisten eigentlich aus der Ferne. Darum wollte Abendblatt-Reporter Heinrich Klaffs einmal ganz nah dabeisein. Er wollte den Teil der „Schutzmanns“-Arbeit kennenlernen, von dem im Polizeibericht nie die Redeist. Also zog er, nachdem der Polizeipräsident sein Plazet gegeben hatte, eine Uniform an und begleitete eine Woche lang eine Schicht der Polizeirevierwache 20 in Altona bei allen Einsätzen. Wie es ihm als „Polizist“ erging, was er hinter den Kulissen sah, davon handelt diese Artikel-Serie.

Warten auf das große Ding

Verkehrsunfall. Ladendiebstahl. Schlägerei. Familienstreitigkeit. Zahlungsstreit im Lokal. Penner in der Baustelle. Wohnungsbrand. Und ein zerbrochener Sieldeckel am Fußgängerüberweg Ehrenbergstraße – gibt es eigentlich etwas, für das die Polizei nicht zuständig ist?

Zum Beispiel dieser Einsatz: In einer Wohnung an der Memellandallee halten sich zwei Ausländer illeqal auf. Wir fahren hin. In der Wohnung ein verhärmter Grieche, Untermieter. Die Wohnungsinhaberin: eine kranke Frau. Sie liegt im Wohnzimmer auf dem Sofa und dreht den Kopf zur Wand, als wir kommen.

Anrufer war ihr Sohn, ein resoluter Mann, rund 30 Jahre alt. Er ist von einer längeren Reise zurückgekommen und hat gemerkt, .laß seine Mutter vermietet hat. Er kann nichts dagegen tun, die Wohnung gehört ihr. Also rief er die Polizei.

Sie sagt immer nur: „Schick sie weg, schick sie weg, ich will nicht fort.“ Sie hat offensichtlich Angst – vielleicht nicht zu Unrecht -, daß der Sohn sie abholen läßt.

Aber wir holen niemand ab. Auch die beiden Griechen nicht. Sie haben Papiere, sie haben ihr Zimmer gemietet. Der Sohn kann trotzdem nicht verstehen, daß wir unverrichteter Dinge wieder abziehen. Soll er doch mit seiner kranken Mutter allein fertigwerden – und sie mit ihm.

Dann die vergeblichen Einsätze. „Talstraße demolieren mehrere Männer eine Wohnung, normale Fahrt aufgehoben.“ Talstraße – da ist St. Pauli am miesesten. Wir bekommen den Einsatz, obwohl das nicht mehr unser Revier ist, weil die anderen Wagen alle zu tun haben.

Wir rasen hin, die Treppen hoch. Schallendes Gelächter empfängt uns. In der Wohnung sitzt eine fröhliche Gesellschaft und feiert Polterabend. Als wir fortgehen, knirscht unter unseren Schuhen zerbrochenes Geschirr. Für den Spott haben wir nicht zu sorgen . . .

‚Später werden wir noch einmal in den Revierbereich der Davidwache gerufen. „Simon-Utrecht- Straße. Hotel Hohenzollern. Unfall.“ Auch so ein Routineeinsatz. Bei einem Unfall ist der Verletzte meist schon mit einem Rettungswagen fortgebracht ins Krankenhaus. Wir müssen dann nur noch hinterher und die Personalien ermitteln. Verwaltungsarbeit.. .

Diesen Verunglückten treffen wir noch an. Ein Hotelangestellter ist im Tran die Treppe runtergefallen und hat sich den Arm gebrochen. Er sitzt da und wimmert unaufhörlich: „Der Schmerz, oh, der Schmerz.“ Er hat offensichtlich gerade eine Pechsträhne zu fassen. Er hat an diesem Abend seinen Wochenlohn von 300 Mark beim Kartenspiel verloren.

Also gibt es Leute, die haben noch mehr Pech als wir mit unseren ewigen Bagatelleinsätzen. Eine Woche lang haben wir vergeblich auf das große Ding gewartet . . .

Ende der Serie

Dazu gab es einige Monate später noch ein „Menschlich gesehen“ auf Seite 1 des Hamburger Abendblatts:

Er war gern Polizist

Der Altersberg wird abgebaut“, heißt es bei der Polizei. Der „Altersberg“ – das sind die Beamten der Jahrgänge 1913/14. Sie haben jetzt das Pensionsalter erreicht. Zum Beispiel Albert Knake, Polizeihauptmeister, Wachhabender bei der Revierwache 20 in der Mörkenstraße (Altona) Einer von vielen, die in diesem Jahr verabschiedet werden.
Albert Knake selbst geht mit einem lachenden und einem weinenden Auge“ in den Ruhestand: Er war gern Polizist, aber nach 38 Dienstjahren freut er sich auf ungestörte Tage in seinem Haus in Brokstedt/Holstein. Seine Frau Annemarie muß nicht mehr vor einem 12-Stunden-Sonntagsdienst sagen: „Nun bin ich wieder den ganzen Tag allein“, er kann seinen großen Garten pflegen und sich seinen neun Enkelkindern widmen.
Dagegen verabschiedet Revierführer Albert Wißmann seinen Wachhabenden mit Unbehagen: „Die Älteren sind unsere besten Leute; ihre Erfahrung ist unbezahlbar.“ Wißmann und Knakes Kollegen schätzen vor allem seine Dienstauffassung. Einer sagt: „Albert ist der letzte Preuße. Der gebürtige Holsteiner mit der „preußischen“ Gradlinigkeit hat tatsächlich im Umgang mit seinen „Stammkunden“, mit Pennern Störenfrieden und Trunkenbolden nie lange gefackelt – aber er wußte auch, wo er ein Auge zudrücken mußte. Als Büttel der Obrigkeit hat er sich nie verstanden, auch nicht dienstintern. Starrköpfig war er vor allem, wo es galt, die Interessen der jüngeren Kollegen gegenüber den Vorgesetzten zu vertreten. hk

„Warten auf das große Ding“, Teil 4

Mittwoch, März 13th, 1974

Teil 4 einer Serie über den Polizistenalltag im Polizeirevier 20 (Altona) im „Hamburger Abendblatt“ vom 13.3.1974

Redaktioneller Vorspann

Polizisten ruft man aus hunderterlei Anlässen. Was sie sonst treiben, ist einem meistens egal. Am liebsten sieht man Polizisten eigentlich aus der Ferne. Darum wollte Abendblatt-Reporter Heinrich Klaffs einmal ganz nah dabeisein. Er wollte den Teil der „Schutzmanns“-Arbeit kennenlernen, von dem im Polizeibericht nie die Redeist. Also zog er, nachdem der Polizeipräsident sein Plazet gegeben hatte, eine Uniform an und begleitete eine Woche lang eine Schicht der Polizeirevierwache 20 in Altona bei allen Einsätzen. Wie es ihm als „Polizist“ erging, was er hinter den Kulissen sah, davon handelt diese Artikel-Serie.

Warten auf das große Ding

Eine Stunde fahren, eine Stunde als „Beobachter“ auf dem Beifahrersitz, eine Stunde Bereitschaft: macht drei Stunden. Dreimal drei Stunden – neun Stunden, ein Schichtabschnitt. Zeit zum Mittagessen ist nicht eingeplant. Polizisten leben von mitgebrachten Stullenpaketen und Kaffee aus dem Automaten oder Coca Cola.

Wieder so ein Tag. Zum x-tenmal die Runde durchs Revier, zum x-ten mal die scharfe Kurve an der Thadenstraße, zum x-tenmal die Kehrtwendung an den Landungsbrücken, wo unser Revierbereich endet.

Da sagt Grube: „Fahren wir doch ‚mal Penner aufstöbern am Hexenberg.“ Groß nickt und nimmt die Richtung. Als wir vor den SAGA-Neubauten am Hexenberg, den häßlichen gelben Klinkerbauten, halten und aussteigen, winken schon die Handwerker von einem Bau: Hier sind welche.

Wir gehen hinein. In einigen Räumen wird schon tapeziert, die Zentralheizung läuft: Pennerhotel mit Vollkomfort. Man riecht sie schon im Erdgeschoß: Wochenlang ungewaschene Füße und verschwitzte Kleidung.

Im zweiten Stock liegen die ersten drei Typen eng aneinandergesehmiegt neben der Heizung.

Ich habe Herzklopfen. Wenn die gewalttätig sind? Sie sind es nicht. Grube ruft: „Aufstehen, anziehen, im Flur sammeln.“ Und sie gehorchen. Schläfrig stehen sie im Flur. Ich habe derweil ein Stockwerk höher den nächsten gefunden. Ergeben folgt er mir nach unten. Ich hatte mir das anders vorgestellt.

Sie kommen mit auf die Straße, dort überprüfen wir ihre Papiere. Der einzelne Penner aus dem dritten Stock hat einen gültigen „Ehrenbürgerbrief“: er ist als Stadtstreicher registriert. Auf dem amtlich „Stadtstreicherauflage“ genannten Papier steht, daß er sich innerhalb von vier Wochen einen festen Wohnsitz und Arbeit zulegen muß. Und sonst? Vorführung beim Amtsrichter. Der Amtsrichter läßt ihn dann mit neuer Auflage laufen. Ewiger Penner-Kreislauf.

Der Mann ist „sauber“. Die Nachfrage über Funk hat keinen Suchvermerk ergeben, er darf gehen. Sichtlich erleichtert trollt er sich. Die anderen drei sind neu in Hamburg. Sie kommen aus Süddeutschland, aus Karlsruhe. Erst als wir ihre Personalausweise sehen, merken wir, daß ein Mädchen dabei ist, gerade 19 Jahre alt. Sie sah aus wie ein Mann von 30. Aber jetzt kämmt sie sich mit den Fingern die Haare und streicht den Anorak glatt.

Keiner von dem Trio hat bisher eine Stadtstreicherauflage. Wir bringen sie zu Fuß zur Wache, während Groß im Schritt nebenher fährt. „Was meinst du“, sagte Grube, „‚Wie das erst im Sommer ist! Die stinken so im Wagen, das hält keiner aus.“

Einer von den Pennern fragt: „Sind die auf der Wache auch so nett wie ihr?“ Ich glaube, sie haben schon oft den Schlagstock gespürt oder einen Tritt in die Rippen beim Wecken. Grubes freundliche Tonart ist ihnen nicht ganz geheuer.

Wir liefern sie auf der Wache ab. Die Wachhabenden müssen ihnen den „Ehrenbürgerbrief“ verpassen. Als wir die Wache betreten, rückt gerade nebenan bei der Feuerwache der Rettungswagen aus. Wir müssen hinterher, am Nobistor brennt es im Hotel.

Ende von Teil 4, folgt Teil 5

„Warten auf das große Ding“, Teil 3

Dienstag, März 12th, 1974

Teil 3 einer Serie über den Polizistenalltag im Polizeirevier 20 (Altona) im „Hamburger Abendblatt“ vom 12.3.1973

Redaktioneller Vorspann

Polizisten ruft man aus hunderterlei Anlässen. Was sie sonst treiben, ist einem meistens egal. Am liebsten sieht man Polizisten eigentlich aus der Ferne. Darum wollte Abendblatt-Reporter Heinrich Klaffs einmal ganz nah dabeisein. Er wollte den Teil der „Schutzmanns“-Arbeit kennenlernen, von dem im Polizeibericht nie die Redeist. Also zog er, nachdem der Polizeipräsident sein Plazet gegeben hatte, eine Uniform an und begleitete eine Woche lang eine Schicht der Polizeirevierwache 20 in Altona bei allen Einsätzen. Wie es ihm als „Polizist“ erging, was er hinter den Kulissen sah, davon handelt diese Artikel-Serie.

Warten auf das große Ding

Verflixte Nacht. Alles müssen wir zweimal machen. Das fing schon so unangenehm an. Am Steinheimplatz war ein beinamputierter Rentner in seiner Wohnung gestorben, schon vor geraumer Zeit. Erst jetzt war einer Nachbarin aufgefallen, daß ständig Licht in der Wohnung brannte. Als wir dort sind, den Abtransport der Leiche überwachen und die Wohnung versiegeln, erzählt mir Dethlef Schiewe, daß er sich noch genau an seine erste Leiche erinnern kann, eine Gasleiche. Jetzt hat er immer Gasgeruch in der Nase, wenn er einen Toten sieht . . .

Dann kommt der Betrunkene, der am Nobistor die Scheibe eines Schuhgeschäfts eingeschlagen hat und sich nun wegen Diebstahls wird verantworten müssen, weil er zwei linke Schuhe unter der Jacke hat, als wir eintreffen.

Dann der Funkeinsatz: „Streitigkeiten Holstenstraße 23 bei Hoppendoll.“ Es ist halb zwölf. Die Wohnungsinhaberin kommt uns im Mantel entgegen, völlig verheult. Bei ihr sei ein fremder Mann eingedrungen. Der „fremde Mann“ liegt auf der Couch unter einer Wolldecke.

Die beiden sind sich offensichtlich nicht fremd. Sie schwanken immer zwischen „Sie“ und „Du“. Daß die Leute immer die Polizei rufen müssen, wenn selbst der Alkohol ihre Probleme nicht mehr lösen kann…

Sie will ihn loswerden. Aber wir können nichts machen. Das ist eine zivilrechtliche Sache. Ulrich Grube redet jedoch immer wieder auf die beiden ein, Dethlef Schiewe versucht es auf die energische Art. Schließlich folgt uns der angeblich fremde Mann aus der Wohnung. Mit Tränen in den Augen versucht er, „Püppi“, die nichts mehr von ihm wissen will, zum Abschied zu küssen. Sie wendet sich ab. Eingeschnappt wirft er draußen das Hemd, das sie ihm von ihrem geschiedenen Mann gegeben hat, in den Garten. „Ich bin fertig mit ihr.“

Wir haben gerade auf dem Fischmarkt einen betrunkenen Autofahrer aufgetan und zur Blutprobe mit zur Wache genommen, da heißt es um zwei Uhr: „Ruhestörender Lärm in der Virchowstraße.“

In der Virchowstraße ist Zigeunergeburtstag in einer Parterrewohnung. Dietermann, der Zigeuner, dreht sofort die Musik leise und lädt uns in die gepflegte Wohnung – alles mit Teppich ausgelegt und geschmackvoll dekoriert. Eine solche Wohnung habe ich in dieser Gegend nicht vermutet.

Dietermann will uns unbedingt Sekt anbieten. Er hat Angst vor uns. In einem Nebensatz sagt er: „War ich im KZ.“ Er will wissen, ob nun eine Akte angelegt wird.

Eine Stunde später neuer Einsatz: „Virchowstraße, Schlägerei im Treppenhaus“ – dieselbe Hausnummer. Anrufer sind die Leute im ersten Stock. Sie hatten auch die Ruhestörung gemeldet. Der Mann muß morgens um fünf Uhr zur Arbeit. Als wir beim ersten Mal abgerückt waren, in der Meinung, alles sei ruhig, war Dietermann gleich darauf hinaufgegangen, wutentbrannt, weil er sich denunziert fühlte. Aber es ist nichts passiert. Die anderen sieben Gäste der Zigeuner-Geburtstagsfeier sind hinterhergekommen und haben Dietermann zurückgehalten.

So hat sich auch das erledigt. Das Ehepaar im ersten Stock verzichtet auf eine Anzeige. Sie kommen sonst gut mit den Leuten aus.

Wir waren zweimal bei Dietermann, jetzt müssen wir zum zweiten Mal zu Hoppendoll. Als wir wieder auf der Wache sind, kommt die Frau herein. Sie hat dickgeschwollene Lippen und weint herzzerbrechend.

Der Liebhaber war doch nicht mit ihr fertig gewesen. Er war zurückgekommen, hatte durch den Briefschlitz uriniert und dann die Tür eingetreten. Davon vergewisserten wir uns an Ort und Stelle.

Der Typ liegt schon wieder auf der Couch und sagt: „Herr Wachtmeister, das war doch ganz anders.“ Diesmal nehmen wir ihn mit. Zur Ausnüchterung. Eine andere Handhabe haben wir nicht. Das ist wieder alles zivilrechtlich. Denn ihn anzeigen – das will „Püppi“ auch nicht.

Zum Abschluß, bevor wir morgens kurz vor sieben frische Brötchen holen und zur Wache zurückkehren, müssen wir noch einen Geldtransport bewachen. Rentengelder, „so fünf bis acht Millionen“, sagt Schiewe, die am Postamt Goethestraße von Transportwagen der Bundespost übernommen und zu den einzelnen Postämtern des Bezirks gefahren werden. Das ist so seltsam unwirklich. Drei übernächtigte Polizisten sollen verhindern, daß acht Millionen Mark Rentengelder geraubt werden.

Das ist doch gar nichts, sagt Grube. Einmal im Monat müssen wir nämlich auch die Taubenvergifter bewachen. Im Morgengrauen ziehen sie durch die Stadt, einer streut vergiftetes Futter aus, der andere sammelt die toten Tauben ein. Wir müssen aufpassen, daß die beiden nicht verprügelt werden.

Und einen Morgen, gerade sind die Taubenvergifter von einem Zuhälter, der in einer Kneipentür steht, angepöbelt worden, und wir haben den zur Räson gebracht, da kommt eine nackte, blutüberströmte Frau über die Straße gerannt. Wir nehmen sie in den Wagen und betten sie auf den Rücksitz, um sie gleich ins Krankenhaus zu fahren – da guckt sie und sagt: „Der war’s!“ und zeigt auf den Zuhälter.

Wir rufen Verstärkung, damit ein anderer Wagen den Zuhälter nimmt, da kommen drei Männer die Straße entlang, und sie zeigt auf den in der Mitte und sagt: „Der war auch dabei!“ Sie war von den beiden vergewaltigt worden.

In der nächsten Folge: am 13.3.1974: Die Penner riecht man schon im Erdgeschoß

„Warten auf das große Ding“, Teil 2

Montag, März 11th, 1974

Teil 2 einer Serie über den Polizeialltag im „Hamburger Abendblatt“. E-Tag: 11.3.1974

Redaktioneller Vorspann

Polizisten ruft man aus hunderterlei Anlässen. Was sie sonst treiben, ist einem meistens egal. Am liebsten sieht man Polizisten eigentlich aus der Ferne. Darum wollte Abendblatt-Reporter Heinrich Klaffs einmal ganz nah dabeisein. Er wollte den Teil der „Schutzmanns“-Arbeit kennenlernen, von dem im Polizeibericht nie die Redeist. Also zog er, nachdem der Polizeipräsident sein Plazet gegeben hatte, eine Uniform an und begleitete eine Woche lang eine Schicht der Polizeirevierwache 20 in Altona bei allen Einsätzen. Wie es ihm als „Polizist“ erging, was er hinter den Kulissen sah, davon handelt diese Artikel-Serie.

Warten auf das große Ding

Frühschicht, Beginn um Viertel vor sieben. Die beiden Wachhabenden sitzen schon am Tisch und blättern sich durch die Ordner mit den Meldungen der vergangenen Nacht. Trunkenheit am Steuer, Unfall mit Fahrerflucht, versuchter Einbruch. Eine vom Autostrich am Fischmarkt hat eine Anzeige gegen ihren Zuhälter zu Protokoll gegeben. Und so weiter. Vieles steht nicht in den Ordnern. Es erscheint nur als Funkeinsatzbefehl im Fahrtenbuch von „Peter 20/1“.

Im Spindraum sitzen noch ein paar von der Nachtschicht am Tisch
im schmalen Gang zwischen den Schränken und beginnen den Tag mit einem Schluck Bier.

Einer flucht. Er gehört zu denen, die gerade erfahren haben, daß sich ihre Beförderung wieder einmal verzögern wird. Und weil er schon dabei ist, sich zu ärgern, kommt das Thema fast jeder Nachtschicht wieder hoch : für den „Dienst zu ungünstigen Zeiten“ – zum Beispiel nachts – gibt es einen Zuschlag von ganzen 75 Pfennig je Stunde.

„Wir sind nicht unterbezahlt. Für das, was wir netto kriegen, muß einer in der freien Wirtschaft auch ganz schön strampeln. Aber wenn ich morgens nach Hause gehe und rechne nach und habe in den vergangenen neun Stunden 6,75 Mark zusätzlich als Entschädigung für eine durchwachte Nacht verdient – dann fühle ich mich ganz schön auf den Arm genommen.“

Ich pflichte ihm bei. Ich habe das ja erlebt. Morgens um acht komme ich nach Hause. Meine Frau schläft noch. Wenn ich fünf Stunden später aufwache, weil irgendwo in der Straße eine Baumaschine lärmt und die Sonne ins Zimmer scheint, ist meine Frau weg, einkaufen vermutlich.

Als sie wiederkommt, frühstücke ich gerade. Ich bin eigentlich nicht mehr müde. Aber jedes laute Wort fällt mir auf den Wecker. Und erzählen, was ich in der vergangenen Nacht erlebt habe, dazu fehlt mir jede Lust. Am Abend haben wir Besuch. Weil ich so gereizt bin, kommt keine Stimmung auf. Ich verabschiede mich bald aus der Runde, gehe schlafen. Morgen habe ich Frühdienst. Ich nehme mir vor, mich am nächsten Tag bei meiner Frau zu entschuldigen für die schlechte Laune.

Ob der Wachhabende Albert Knake sein nervöses Augenzucken dem Wechseldienst zu verdanken hat? Er ist jetzt 36 Jahre bei der Polizei. Und woher hat Dethlef Schiewe seine Magenbeschwerden? Hat Ulrich Grube seinen Autounfall nicht nach einer Nachtschicht gebaut?. Gestern erzählte mir einer aus der anderen Schicht: er ist nach der Nachtschicht mit der Dienstmütze auf dem Kopf zur U-Bahn gegangen und hat sich gewundert, warum die Leute grinsten . . .

Eine Woche Wechseldienst, das heißt: Freitag von 7 bis 16 Uhr, Sonnabend 7 bis 14 Uhr – „langes“ Wochenende (das einzige in je vier Wochen) bis Montag 14 Uhr. Dann Spätdienst bis abends um zehn. Dienstag Nachtschicht von 22 bis 7 Uhr, Mittwoch frei, Donnerstag wieder Spätschicht. Freitag auf Sonnabend Nachtschicht, dann 24 Stunden Ruhe, dann der zwölfstündige Sonntagsdienst von 7 bis 7 . . .

Dazwischen liegen noch Schießtraining und Dienstsport, jeweils morgens um 9 Uhr an Spätdienst-Tagen – der Vormittag ist auch noch im Eimer. Da habe ich gekniffen – und alle „Kollegen“ hatten Verständnis dafür.

Ende von Teil 2

„Warten auf das große Ding“, Teil 1

Samstag, März 9th, 1974

1. Teil einer Serie über den Polizeialltag im Polizeirevier 20 (Altona) im „Hamburger Abendblatt“, E-Tag 9./10.3.1974
Copyright für alle freundlicherweise von meinem ehemaligen Kollegen zur Verfügung gestellten Fotos: Jürgen Lische

Redaktioneller Vorspann

Polizisten ruft man aus hunderterlei Anlässen. Was sie sonst treiben, ist einem meistens egal. Am liebsten sieht man Polizisten eigentlich aus der Ferne. Darum wollte Abendblatt-Reporter Heinrich Klaffs einmal ganz nah dabeisein. Er wollte den Teil der „Schutzmanns“-Arbeit kennenlernen, von dem im Polizeibericht nie die Redeist. Also zog er, nachdem der Polizeipräsident sein Plazet gegeben hatte, eine Uniform an und begleitete eine Woche lang eine Schicht der Polizeirevierwache 20 in Altona bei allen Einsätzen. Wie es ihm als „Polizist“ erging, was er hinter den Kulissen sah, davon handelt diese Artikel-Serie.

Warten auf das große Ding

„Bullen! Bullen!“ Die Schmährufe kamen von einer Gruppe alkoholisierter Fischmarktbummler in unserem Rücken. Mein „Bärenführer“ bei dieser Fischmarktstreife, Polizeimeister Ulrich Grube (28), drehte sich nicht um. Also ließ ich es auch. Dabei war es das erste Mal, daß mich jemand „Bulle“ nannte. Aber es klang irgendwie nicht bös. Außerdem war ich viel zu müde, um mich aufzuregen.
Denn heute war langer Sonntag. Unser Dienst hatte um halb sieben begonnen. Jetzt war es neun Uhr, weitere zehn Stunden lagen vor uns.

Trotz des Gähnens, das ich ständig zwischen den Kiefern zerbeißen mußte: ich langweilte mich nicht.

Da war zum Beispiel die Szene mit jenen beiden Mädchen aus Bremen, die uns „von der Seite“ angesprochen hatten. Sie wollten unbedingt unsere Visitenkarten haben, „weil es solche

Kesse Bremerinnen

Die beiden hätten gern unsere Visitenkarte gehabt. Aber Dienst ist Dienst...

netten Polizisten in Bremen nicht gibt“ – angeblich. Da waren die beiden Brüder, beide gesetzten Alters, die offensichtlich schon mehr als eine Fischmarkt-Kneipe von innen gesehen hatten an diesem Morgen. Wie sollten wir ihre Einladung zu einem Schnaps abschlagen, ohne sie zu beleidigen? Wir schafften es – und schieden wie Freunde.

Da war jener Mann, der ans über den Weg torkelte. War es Grubes sechster Polizistensinn, die „Nase“, die ihn fragen ließ: „Wirst du nicht gesucht?“ Er wurde gesucht. Von seinem Lebensmittelhändler. Er hatte dort anschreiben lassen, für rund 70 Mark. Und immer wieder die Beteuerung: „Mittwoch werde ich bezahlen! Nehmt ihr mich jetzt mit?“ Wir nahmen ihn nicht mit. Versprach der doch noch vielmals: „Mittwoch bezahle ich!“ Und spielte ein Lied auf der Mundharmonika, die er aus seiner Manteltasche zog.

Wir nahmen ihn nicht mit. Zum Dank spielte er uns ein Lied.

An diesem Fischmarktmorgen war die Welt sonst ziemlich in Ordnung. Sogar der Betrunkene, der sich schwerfällig hinter das Lenkrad seines „Admirals“ bugsierte, stieg nach einer Ermahnung freiwillig wieder aus und ließ sein Auto stehn.

Da stand aber noch die lange Reihe falsch geparkter Autos am Zaun zur Wasserseite. Und da war jenes Paket von Verwarnzetteln, die Grube vom Wachhabenden mit auf den Weg bekommen hatte. Die Pflicht rief. Kein Vorgesetzter würde uns glauben, daß wir den ganzen Vormittag kein falsch geparktes Auto gesehen hätten. Halbherzig machten wir uns an die Arbeit. Komisch – immer wenn eine Zahlkarte ausgeschrieben war, stand auch schon der Besitzer des Wagens vor uns und begehrte Ablaß. Sollten wir etwa die Familie aus Stade nicht laufen lassen? Sie hatte frühmorgens in der Dunkelheit das Halteverbotsschild nicht gesehen. Und wie war es mit jenem Jungdemokraten, der Wahlbroschüren verteilte? „Ich bin doch Aktivist! Und das wäre mein allererstes Strafmandat!“ Er war ganz geknickt. Ich hätte den Zettel wahrscheinlich nicht zurückgenommen. Gerade nicht. Der „Aktivist“ ärgerte mich. So aktiv waren wir allemal. Aber Grube, der echte Polizist, ließ ihn ziehen.

Auch Polizisten mögen Hustenbonbons

So ging der Vormittag ‚rum. Halb elf. Auf einem von der Hustenbonbon-Frau geschenkten Bonbon lutschend – aber dezent, wir waren ja im Dienst – , trabten wir zurück zur Wache. Noch acht Stunden Streife mit „Peter 20/1“. Kleinkram und – warten auf das „große Ding“.

Vollzählig habe ich die C-Schicht der Wache 20 in dieser Woche nie erlebt. Ein Beamter machte Urlaub, einer war abgeordnet zur besonderen Verfügung des Bezirkskommandos im „Einsatzzug Altona“ für Verkehrskontrollen und andere Sondereinsätze. Zwei weitere Polizeiobermeister standen nur auf dem Panier, auf dem der Schichtplan geschrieben steht: beide dauerkrank. Es blieben: zwei Wachhabende und, statt der Sollstärke von weiteren sechs Beamten, ein Polizeimeister, zwei Obermeister, ein Praktikant.

Der erste Wachhabende: Albert Knake. 59 Jahre alt, gelernter Landwirt, seit 36 Jahren Polizist, verheiratet, vier Kinder, Polizeihauptmeister, netto 1750 Mark. Wohnt in Brokstedt bei Itzehoe, fährt täglich mit dem Wagen eine Stunde zur Arbeit. Wird im Juli pensioniert. Aber da ist ja noch einer „vom alten Schrot und Korn“. Der zweite Wachhabende: August Hippchen. 52 Jahre alt, mit 17 zur Reichsmarine gegangen, dann zur Polizei. Verheiratet, drei Kinder, wie Knake Hauptmeister und damit an der Spitze des mittleren Dienstes. Wohnt in „Mottenburg“ (Ottensen), schon seit 1947 ist er bei der Wache 20. Manche seiner „Kunden“ kennt er schon „von klein auf“.

Alle anderen Beamten der C-Schicht, die ich kennengelernt habe, gehören zur Generation derer, die erst nach dem Krieg aufwuchsen:
Dethlef Schiewe, 28 Jahre alt. In der Schule ist er immer angeeckt, weil er sagte, was er dachte, ohne den diplomatischen Zungenschlag zu beherrschen. Seine direkte Art hat ihm bei der Polizei nicht geschadet. Der gelernte Maschinenschlosser ist jetzt Obermeister, rund 1400 netto, fungiert als stellvertretender Wachhabender. Schiewe ist verheiratet, noch kinderlos, wohnt in Hamburg.

Dienstranggleich Karl Volker Schmitt. 33 Jahre alt, verheiratet, ein Kind. Auch er ist gelernter Landwirt, ging dann für sechs Jahre zur Bundesmarine, ( von dort zur Polizei. Ein ruhiger Zeitgenosse. Auf der gemeinsamen Weihnachtsfeier in der Wache haben sie ihm den „Hallo-Wach-Orden“ verliehen, weil er oft müde ist. Kein Wunder: nachdem die Kollegen geholfen haben, das Fundament für sein Häuschen in Billstedt aufzuschütten, hat er den weiteren Auf- und Ausbau weitgehend im Do-it-yourself-Verfahren bestritten. Er ist immer auf der Suche nach passenden Verschraubungen für Heizungsrohre.

"Vater der Kompanie": Albert Knake und Praktikant Reinhard Groß (18)

Ulrich Grube, 28 Jahre alt, Polizeimeister, sieht in Zivil am wenigsten aus wie ein Polizist. Unter anderem trägt er ein Aktenköfferchen. Er ist – mit Genehmigung der Behörder – nebenberuflich als Steuer- und Anlageberater tätig. Die Qualifikation für diesen Job hat er sich in Abendkursen erworben. Auch Grube ist verheiratet. Er hat zwei Kinder und monatlich rund 1500 Mark netto. Grube wohnt in Uetersen und kommt mit der Bahn zur Arbeit.

Wie jeder der vier Schichten bei der Wache 20 ist auch der C-Schicht ein Praktikant zugeteilt: Reinhard Groß, 18 Jahre alt. Er wohnt in Stade. Sein sechsmonatiges Praktikum begann nach Abschluß von zwei Jahren Landespolizeischule. Einmal in der Woche muß Groß auch jetzt noch auf die Schulbank. Nach dem Praktikum steht ihm die obligatorische Zeit bei der Bereitschaftspolizei bevor. Erst danach zählt er eigentlich als „gestandener“ Polizist. Aber wegen der Personalknappheit sind die Wachen gezwungen, Praktikanten voll in den Dienstplan mit einzubeziehen. Auch Reinhard Groß – jetzt Oberwachtmeister mit netto 800 Mark im Monat – muß als Lehrling Gesellenarbeit leisten.

Meistens war unsere Schicht in „meiner“ Woche bei der Wache 20 nur mit zwei Beamten und den beiden Wachhabenden besetzt. Revierführer Albert Wißmann: „Die Personallage der Polizeirevierwache 20 weist zu Beginn des Jahres 1974 eine äußerst negative Entwicklung auf.“

Ende von Teil 1, folgt Teil 2

„British-German Pop-Meeting“ Hamburg 1971

Montag, September 20th, 1971

Achim Reichel 2009710004

„A.R. & Machines“: Achim Reichel versuchte beim British-German Pop Meeting am 18.9.1971
„eine Verbindung von elektronischer Utopie mit Pop“, wie es in der Pressemitteilung des Veranstalters Karsten Jahnke hieß

Aus der „Welt“ vom 20.9.1971

Die Rocker sorgten für Ordnung, das Rote Kreuz half den Haschern

    Das war ein müdes Musikmarathon


Ausgerechnet im Rahmen einer Wirtschaftswoche kam Hamburgs Pop-Jugend zu einem Musikmarathon, dem „British-German Pop-Meeting“, am Sonnabend in der Ernst-Merck-Halle. Ohrenschmaus von vier bis Mitternacht.

Zu einem musikalischen Ereignis allerdings geriet die Fete nicht. Völlig zu Recht warnten die mittelmäßigen Gruppen ihr Publikum: „Klatscht mal noch nicht, das Stück kann noch Scheiße werden!“ So war es denn auch.

Erstaunlich, mit welcher Hartnäckigkeit das Publikum dennoch um Zugaben klatschte. Keiner wollte sich wohl das Versagen seiner Idole eingestehen; so herrschte die trotzige „Nun-erst-recht“-Pose vor, und das war gelegentlich etwas unkoordiniert. Schwer zu entscheiden, ob nun zustimmende oder ablehnende Pfiffe die Zugabe begrüßten.

Am besten paßten noch „A. R. & Machines“ in den langen Abend. Der simple „Meditations-Rock“ nach Art eines poppigen Orff-Schulwerkes vertrug sich gut mit dem unter Rauchschwaden dahindämmernden Publikum. Da fiel kaum auf, daß einer fragte, ob es nicht eigentlich eine Frechheit sei, mit solch einer Musik vor einem Massenpublikum aufzutreten.

Mindestens zwanzig Minuten dauerten die Umbaupausen zwischen den Auftritten der Gruppen. Gehorsam strebten dann die Pop-Fans ins Foyer zu Bockwurst, Pfefferminzschokolade und Coca-Cola, ebenso gehorsam ließen sie sich nach der Pause wieder auf dem kalten Steinfußboden in der unbestuhlten Halle nieder. Man konnte sich ausrechnen, wieviel Zehnmarkscheine bei einem ebensolchen Eintrittsgeld auf einem Quadratmeter Ernst-Merck-Hallen-Boden Platz hatten. Die Unbequemlichkeit forderte dennoch keinen Fan zu Protest heraus. Bequem zu sitzen ist wohl spießig …

Die Pop-Kultur scheint müde geworden: „Jesus-in“-Leute gingen als Plakatträger durch die Halle, verkündend „Ohne Jesu ist das Leben sinnlos“ und „Jesus in — Drugs out“. Die Mehrzahl der Musikfreunde aber suchte nach wie vor ihr Glück beim Joint. Der Haschleichen nahm sich das Deutsche Rote Kreuz fürsorglich an. Außer Sanitätern und Polizei hielten uniformierte Rocker die Ordnung aufrecht.

Des Anblicks müde und mit schmerzendem Hintern verließ der Rezensent vorzeitig die Halle. Kann sein, daß wenigstens „Family“ und „East of Eden“ zum Schluß noch gute Musik geboten haben. Heinrich Klaffs

Rock-Publikum 2009710018

„Drugs out, Jesus in“ beim „British-German Pop Meeting“ am 18.9.1971 in der
Hamburger Ernst-Merck-Halle – gehascht wurde trotzdem, bis der Arzt kam

Ochsenmarkt Wedel 1971

Donnerstag, April 22nd, 1971

Ochsenmarkt Wedel 2104710018

Aus der Hamburger Tageszeitung „Die Welt“ vom 22.4.1971

Weisheit von der Wedeler Weide

    „Gekiekt is noch nicht gekauft”, sprach der Ochsenhändler

Auf der Weide an der Pinneberger Straße in Wedel wurden keine Maulaffen feilgehalten — es ging um Rinder, Pferde und Ferkel gestern auf dem Wedeler Ochsenmarkt (sprich: Ossenmaakt). In aller Frühe gaben sich Bauern und Viehhändler ein Stelldichein, um jeder auf seine Art sein Schäfchen ins trockene zu bringen: durch Kauf der eine, Verkauf der andere.

In der Morgenkühle flossen die Geschäfte noch zäh, der Nebel hatte viele an pünktlicher Ankunft verhindert. Aber so nach und nach waren unter ziemlichem Getöse die letzten Jungbullen und Färsen (die Teenager unter den Kühen) aus den Transportwagen ins Freie gezerrt und am Weidezaun festgemacht. und auch das Publikum stellte sich zahlreich ein. Nicht alle waren Kaufinteressenten — sagte der Viehhändler: „Gekiekt is noch nicht gekauft.“

Folgendes Zeremoniell ist beim Kuhhandel einzuhalten: erstens einen Stock zu tragen, der einmal gut ist, um störrische Rinder zur Räson zu bringen, zum andern, um damit zu gestikulieren, zuletzt auch, um sich darauf zu stützen; zweitens recht uninteressiert zu tun und ganz beiläufig nur gelegentlich ein Rind unter die Schwanzwurzel zu zwicken, wie gut’s denn im Fleisch sei; drittens die eigentliche Transaktion.

Händler und Interessent stellen sich gegenüber, rufen jeder ihren Preis und klatschen sich bei jedem Gebot gegenseitig in die Hände. Sind beide zufrieden, wird aus dem Klatschen ein Händedruck, wenn nicht, dann hört man mal auf und entfernt sich kopfschüttelnd voneinander, um sich dann wie zufällig wieder gegenüberzustehen — selten werden zwei überhaupt nicht eins. So ein Handschlag, auch wenn er erst nur ein „Ausschlagen“ der anderen Hand ist, schlägt eben Brücken.

Ochsenmarkt Wedel 2104710015

Nach dem Handel wird das Rind markiert, mit Fettkreide oder auch mit fein säuberlich per Schere in das Fell geschnittenen Initialen. Der Händler notiert die Adresse des Bauern, und zwischen zwei und zwölf Hunderter wechseln ihren Besitzer wie zuvor das Vieh —Scheckkarte gilt hier nicht, Bargeld lacht.

Gegen elf Uhr ist das Geschäft fast gelaufen. Jetzt gilt es, in einer Art Schlußverkauf auch die letzten Tiere an den Mann zu bringen. So trifft sich denn fast alles, was zwei Beine hat, zum Mittagsschoppen im improvisierten Ochsenkrug, einer zweckentfremdeten Scheune. Etliche „lüttje Lagen“ bringen nun noch manch zögernden Kunden auf Trab — ganz abgesehen davon, daß man nicht nur aus taktischen Erwägungen sich hier am Biertisch trifft. Die Zwei-Mann-Kapelle spielt flott auf, und nach dem Staub draußen hat man eine Erfrischung wohl nötig.

Überhaupt, der Ochsenmarkt ist längst nicht nur ein Handelsplatz. Hier hat man vielerlei Gelegenheit zu Schnick und Schnack mit den entfernteren Nachbarn, Bekannten und Geschäftsfreunden — die Goldene Hochzeit von Fiete muß genauso beredet werden wie die Rinder-Transaktion. Schließlich ist Wedeler Ochsenmarkt nur einmal im Jahr. hk

Ochsenmarkt Wedel 2104710016

Hansa-Theater 1971: Die Biasinis

Samstag, März 20th, 1971

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Die Bühne des Hansa-Theaters am Steindamm in St. Georg: Fast zu eng für die „6 Biasinis“

Die Artistentruppe hält es nur wenige Wochen an einem Platz
Sieben Wagen – drei Generationen
– eine Sippe: die Biasinis

Variete — das ließe sich vielleicht definieren als domestizierter Zirkus. Wo dort Elefanten und Tiger die Arena bevölkern, zieht hier der Magier weiße Mäuse und Kaninchen aus dem Zylinder, und die Artisten sind aus dem Wohnwagen in die Künstlerpension gezogen.

Nicht so die „6 Biasinis“. Die Fahrrad-Virtuosen aus Italien bringen eine Brise Zirkusluft mit in das Hansa-Theater am Steindamm. „wo sie noch bis Ende des Monats gastieren. Nicht nur, daß für ihre temperamentvolle Show die nur fünf mal sieben Meter messende Bühne des Hansa fast zu eng ist — auch in der Art ihrer Darbietung unterscheiden sie sich von den Künstlerkollegen, die weniger
als sie vom spielerischen Tempo und vom unbeschwerten Spektakel !eben, sondern mehr von der Pointe, die im Detail liegt. Stillstand gibt es bei den Biasinis nicht. Wenn sie von der Bühne abgehen, haben sie ihr kurzweiliges Spiel in der Tat schon sechs Minuten getrieben.

Doch nicht nur auf der Bühne sind die Biasinis eine Attraktion. Auch im Privatleben sind sie ständig auf Rädern: Die vierzehnköpfige Familie bewohnt sieben Wohnwagen. Für die Dauer des Gastspiels sind die Caravans im Hof des Hansa-Theaters aufgebockt.

Die gutbürgerlichen Verhältnisse, die wir nicht missen möchten, sind bei ihnen auf den Kopf gestellt. Die Biasinis ziehen nur für die kurze Winterpause in ihr Brüsseler Haus. Machen diese Artisten denn keinen Urlaub? „Urlaub, wieso?“ sagt Giovanni. „Für uns ist das ganze Jahr Urlaub. Wir sind immer auf Reisen und sehen ständig neue Länder und Leute.“

Ein Leben im Haus kann die Familie immer nur für kurze Zeit ertragen. Giovanni, der älteste der Gebrüder Biasini und Chef de troup, erzählt, daß es ihnen in ihrem Haus in Brüssel mit den „5000
großen Zimmern“ immer schnell zu eng wird. Lieber 14 Menschen unter sieben Dächern, wenn die auch klein sind, als in einem einzigen Haus, meint Giovanni.

Drei Generationen umfaßt die Sippe. Für uns ist die Großfamilie schon Geschichte,für diese italienischen Radartisten lebendige Wirklichkeit: Großvater und Großmutter, drei Brüder mit ihren Frauen und eine Schwester sowie die erwähnten fünf Töchter halten im Privatleben wie auf der Bühne fest zusammen. Leben und Arbeit sind für sie noch nicht verschiedene Bereiche – das ermöglicht ihr reibungsloses Zusammenleben.

Hansa-Theater 1803710015

Am Mittagstisch trifft sich die Familie

Fünf der Wohnwagen sind tatsächlich zum Wohnen eingerichtet, und nicht ohne Annehmlichkeiten, die auch ein Artist nicht missen möchte: Polstergarnitur, elektrisches Licht, Fernseher und Duschkabinett. Alles blitzt in peinlicher Sauberkeit, der sich keine Nicht-Artistenfrau zu schämen brauchte. Die Möbel stehen längs der Seitenwände. Der schmale Mittelgang dient Regina, der einjährigen und damit jüngsten Biasini-Tochter, als Rennstrecke und Tanzplatz. Regina muß sich allerdings noch ein wenig mehr an die Enge gewöhnen: Sie wird von ihrem Vater liebevoll „Bazooka“ genannt. weil sie häufig kopfüber zu Boden geht.

Jede der vier Biasini-Familien hat einen Wohnwagen für sich. Wagen Nummer fünf ist das Appartement der ledigen Tochter des alten Biasini. Warum grad sie, die alleinstehende, den mit zwölf Meter Länge größten Wagen für sich hat? Sie ist eben clever, sagt Giovanni. Der sechste Wagen dient als Garderobe und Requisitenraum, im siebten wird gekocht und gegessen.

Im Küchenwagen führt Mutter Biasini das Regiment als vorzügliche Köchin. Nach dem Essen läßt sich jeder bereitwillig von ihr zum Abwasch anstellen, während schon der Kaffeeduft der Espresso-Maschine entströmt. Den Kindern bleiben Abwaschpflichten noch erspart. Sie bewegen sich unbekümmert durch das Durcheinander von lachenden und redenden Vätern. Müttern, Tanten und Großeltern und werden ständig ermuntert, doch dem Besucher ihre ersten Tanzschritte vorzuführen. Sie werden auf den Tisch gehoben, und ohne in den Nudeltopf zu treten, drehen sie noch unbeholfen, aber schon kokett ihre ersten Pirouetten. Heinrich Klaffs

Hansa-Theater 1803710025

Von elf bis zwölf ist Probe