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Udo Lindenberg 1984

Montag, 19. März 1984

Aus dem “Hamburger Abendblatt” vom 19.3.1984

Udo Lindenberg: Zehn Jahre Panik und kein bißchen leiser

Von Heinrich Klaffs

Kassel – Der Vorhang geht auf, es knallt, und ein Funkenregen sprüht. Dann beginnt das Feuerwerk erst richtig: Udo Lindenberg mit semem Panik-Zirkus ist wieder unterwegs. “Götterhämmerung” heißt die neue Revue des dienstältesten deutschen Rock’n Rollers. Es ist die 20. Tournee Lindenbergs, der im vergangenen Jahr Jubiläum feierte: Zehn Jahre Panik und kein bißchen leiser.

Am Wochenende war “Götterhämmerungs”-Premiere in der Eissporthallevon Kassel: 7000 Karten waren verkauft, unschlagbarer Hallenrekord, denn mehr erlaubt die Pollzei nicht. Dabei hätten mindestens noch 1000 Leute ins innere Rund hineingepaßt, so dicht drängten sich die Fans vor der Bühne, ein Teppich aus Köpfen und hochgereckten Armen, pulsierend im Rhythmus des Panik-Orchesters …

Manch einem der begeisterten Zuhörer wurde in dem Gewühl die Puste knapp. Ein gutes Dutzend. Fans fiel in Ohnmacht und mußte von Ordnern aus der Menge herausgezogen werden. Einen Rollstuhlfahrer, der vor der Bühne eingekesselt war und verzweifelt um Hilfe rief, befreite Udo Lindenbergs muskelbepackter Sportkamerad und ständiger Begleiter Andre (genannt “Shadow”) aus der Klemme, indem er zu ihm durchbrach und ihn mitsamt Rollstuhl auf die Bühne stemmte. Aber “keine Panik auf der Titanic”: Die Menge blieb friedlich.

Die Band spielte schweren Rockn Roll, aber keineswegs primitiven Hammerbeat Das swingt und jazzt, walzt und stampft, schreitet daher im Tango-Rhythmus, laut, aber sauber. So gut war das Panik-Orchester noch nie beieinander, Lindenberg scheint seine Ideal-Besetzung gefunden zu haben: Hannes Bauer (Gitarre) und Steffi Stephan (Baß), Bertram Engel (Schlagzeug), Jean-Jacques Kravetz (Piano), Hendrik Schaper (Keyboards) und Olaf Kubier (Saxophon). Auch der Sänger Lindenberg hat Format gewonnen, seine gebrochene, nölige Stimme läuft nicht mehr neben den Stücken her, sie packt zu. Wenn er ab und zu eine Ballade sang, stand das Publikum in stummer Ergriffenheit, die Dunkelheit mit Wunderkerzen und Feuerzeugen illuminierend.

Zur Revue machen Lindenbergs Darsteller die Show: Der zwergenhafte Clown Felix (imZivilberuf Buchbinder) mal als Commander Superfinger, mal als Teufel, mal als Schaffner für den Sonderzug nach Pankow, der Catcher Klaus Kauroff sieht einfach stark und das Mannweib Franka Sissy einfach schön aus, Busfahrer Alfredo kommt als Bischof und als Nonne, Udo Lindenbergs Sekretärin Gabi und die anderen Panik-Feen tanzen gemeinsam mit den beiden neuen Sängerinnen des Panik-Orchesters (Anke und Bea, den “A+B-Schwestern” aus Berlin) Gummitwist.

Die erste Panik-Revue hat 1979 noch der Regisseur Peter Zadek inszeniert (“Dröhnland-Symphonie”). “Aber der”, sagt Udos Freund und Impresario Fritz Rau, “war eben kein Rock’n Roller.” Seither führt Zirkusdirektor Lindenberg selbst Regie. Dabei sind ihm wahrhaftig apokalyptische Szenen gelungen (beim Walzer vom “Großen Frieden” zum Beispiel). Und doch bleibt die Revue ein Laienspiel. Das ist gewollt Denn Lindenberg weiß: Die Teens und Twens im Publlkum wollen keine Oper.

Der alte Jodler Lindenberg wird ün Mai 38. Traue keinem über 30? Udo Lindenberg ist auf dem Weg, ein Star für mehrere Generationen zu werden. Seine Lieder smd Aufrufe zu kritischem Nachdenken im griffigen Kumpel-Ton, tanzbare Lehrstücke. Er formuliert das Unbehagen und die Sehnsüchte seiner Zuhörer, ohne sich anzubiedern. Da er seinen Zuhörern aufs Maul geschaut hat, erkennen sie sich in seiner Sprache wieder und singen mit, der Landwirtschaftslehrling auf der Empore ebenso wie der Rocker mit der bestickten Kutte unten im Gewühl oder die Schülerin am Bühnenrand. Und welcher Rockmusiker sonst würde eine Stunde vor dem Konzert noch eme Jugendgruppe in seine Garderobe einladen und sich ausfragen lassen?

Dabei hatte Lindenberg Ruhe nötig. Er war vergrippt, hatte nachmittags über 38 Grad Fieber und schniefte schlapp. Sein Leibarzt Dr. med. Tebbe alias “Dr. Chicago” aus Krefeld, ein alter Jazzer, verpaßte ihm eine Penicillin-Spritze. Vollgetankt mit Salbei-Tee (seit Jahren rührt er keinen Alkohol mehr an) sprang Udo schließlich auf die Bühne und machte zweieinhalb Stunden lang Dampf. Am 18. Mai kommt er nach Bad Segeberg.


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