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Roland Kirk 1972

Montag, März 6th, 1972

Virtuoser Jazz

Hamburger Abendblatt vom 06.03.1972

Den auf 45 Instrumenten virtuosen Musiker Rahsaan Roland Kirk einer der Richtungen des modernen Jazz zuzuordnen, dürfte schwerfallen. Er ist tatsächlich „eine Kategorie für sich“, wie man bei einem Konzert des blinden Musikers und seiner „Vibration Society“ im Hamburger Funkhaus erleben konnte. „Ich höre Sirenen und alles mögliche in meinem Kopf, wenn ich spiele“, sagt Kirk. Er hat die Gabe, diese Inspirationen adäquat an das Publikum weiterzugeben. Rock ’n‘ Roll, Blues oder Lieder der Folklore, zornige Phrasierungen im Stil Coltranes oder Pop – auf bis zu drei Instrumenten gleichzeitig spielt Kirk das alles, ohne je in die Untiefen bloßer zirzensischer Show zu geraten. Das Publikum reagierte dankbar auf diese Kunst ohne Krampf. hk

Hier ein Foto aus dem Konzert. Weiter Bilder durch Klick auf das Foto:

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Michael Naura 1971

Dienstag, Oktober 26th, 1971

Aus der „Welt“ vom 26.10.1971

Michael Naura: Jazz läßt sich nicht popularisieren

    Minoritätenservice — oder Musik „für Spinner“?

Vielleicht, weil er selbst Musiker ist: Michael Naura, Jazzredakteur beim Norddeutschen Rundfunk, hat gar nichts von einem „Jazzverwalter“ oder „Jazzpapst“ an sich, der sein musikalisches Himmelreich eifrig angestrengt nach allen Seiten abgrenzte, „klein, aber mein“.

Klein, darüber ist sich Naura im klaren, ist das Reich des Jazz, wenn man es an der Zahl der Interessenten unter den Hörern mißt. Aber Grenzen mag er nicht ziehen.

„Jazz — Rock — Pop“ heißt eine Sendung Nauras im 3. Programm des NDR. „Und wenn man so will“, sagt er, „ist dieser Titel programmatisch“. Nicht nur im Sinne der Behauptung, daß sich Jazz, Rock und Pop immer mehr einander annäherten und gegenseitig anregten. Diskussion und Demonstration dieser These lieferten zwar den Stoff seiner und ähnlicher Sendungen. Worauf es ihm jedoch vor allem ankomme, sei das Exempel einer Toleranz, die in diesem Fall bei der Musik beginne, nicht aber bei ihr ende.

Gefragt, ob nicht seine Hauptaufgabe sei, den Jazz „unter die Leute zu bringen“, winkt er ab. Das könne der Rundfunk niemals schaffen außer bei denen, die ohnehin schon „auf Jazz stehen“. Die Minderheitenmusik Jazz für eine größere Zahl von Hörern rezipierbar zu machen, das sei wohl die Aufgabe der pädagogischen Institutionen und der Erziehungspolitiker.

Warum sendet der NDR dann monatlich mehr als 30 Stunden Jazz, wenn diese Musik doch nur die wenigen interessiert, denen sie auf Grund ihrer Bildungsvoraussetzungen verständlich ist? Minoritätenservice im Rundfunk?

Nein, meint Naura, Minorität oder nicht Minorität sei hier nicht das Kriterium. Es gehe vielmehr darum, daß das Medium Rundfunk seinem vertraglich festgelegten publizistischen Auftrag nachkomme. So, wie jeder Hörer ein Recht habe, über politische Ereignisse informiert zu werden, müsse er auch in die Lage gesetzt werden, die zeitgenössische Musik zu beurteilen — zum Beispiel den Jazz, den man schließlich nicht wie einst als „Negermusik“ oder als Musik „von Spinnern für Spinner“ hinwegignorieren könne.

Hier übrigens sei ein Versagen der übrigen Massenmedien zu konstatieren. Free-Jazz-Musiker beklagen sich bei Naura, daß ihnen das Fernsehen keine Sendezeit einräume, der Rundfunk häufig ebenfalls keine Kenntnis von ihnen nehme, Plattengesellschaften allenfalls kleine Liebhaberproduktionen auflegten. Selbst Konzerte müssen die Musiker weitgehend selbst organisieren und wie im alten New-Orleans von Jazzkeller zu Jazzkeller ziehen. Trotz NDR, WDR und Südwestfunk findet in der deutschen Öffentlichkeit der zeitgenössische Jazz nach mehr als 70jähriger Geschichte kaum statt. Heinrich Klaffs